Sonntag, 22. Mai 2011

Hamburg-Marathon 2011

Um das Ergebnis direkt vorweg zu nehmen: 3:39:37 Stunden.

Splits:
1. Hälfte: 1:40:51 Stunden
2. Hälfte: 1:58:46 Stunden

Daraus ergibt sich ein positiver Split von knapp 18 Minuten. Also ein deutlicher und ungeplanter Einbruch.

Doch nun den Tag mal zusammengefasst:

Um 05:15 Uhr klingelte der Wecker. Schnell drei Brötchen mit Honig verputzt, und dann langsam fertig gemacht. Aber Moment - was scheint denn da in mein Wohnzimmer durch das Fenster? Mist, es ist die Sonne. Draußen sind es bereits prickelnde 16 Grad - um 6 Uhr in der früh! Dabei werden doch Temperaturen über 15 Grad bereits als "nicht mehr optimal" für den Marathon beschrieben.

Egal, ich bleibe optimistisch, dass das heute eine super Rennen wird. So gut vorbereitet sind schließlich nur wenige: 1.400 Trainingskilometer seit Januar, allein zwölf lange Läufe über 35 km, dazu ein Halbmarathon vor vier Wochen.
Vielleicht begann hier bereits die Selbstüberschätzung, die später zum Einbruch führen sollte.

8:50 Uhr. Der Startblock "F" ist so voll, dass viele Läufer gar nicht mehr hinein kommen, mich inbegriffen. Als es dann losgeht, stoßen wir somit von der Seite nachträglich dazu.

Kilometer 1-3. Das Feld ist noch sehr überfüllt, ein flüssiges Laufen ist noch nicht richtig möglich. Zudem blockieren immer wieder einzelne Läufer den Weg, die erheblich langsamer laufen, als es der Block eigentlich vorgesehen hätte. Ganz im Ernst, Leute: Mit einem 6:30er Tempo gehört ihr weiter nach hinten!

Kilometer 6. Ich kämpfe immer noch mit dem dichten Feld, und entdecke vor mir den Grund des Übels: Den 3:30-Stunden-Pacemaker, hinter dem ein ganzes Pulk von Läufern klebt. Da ich ja eine Zeit um 3:20 Stunden anpeile, überhole ich diesen Pacemaker, und habe dann auch wesentlich mehr Platz zum Laufen.

Ab jetzt läuft es rund. Wie ein Uhrwerk spule ich meine Kilometer ab. Meine Zeittabelle prüfe ich bei jedem Kilometer, ob ich noch im 3:20-Stunden-Plan liege. Schnell wird jedoch klar, dass ich jeden Kilometer ein paar Sekunden auf die Zeit verliere - es ist ganz einfach zu warm.

Kilometer 15. Die Greifsche Marathontaktik sieht hier eine leichte Tempoverschärfung für die kommenden 10 km vor. Gesagt, getan. Dies ist dann wohl auch der eigentliche Fehler, denn ich lief bereits im oberen Pulsbereich, knapp unter 85%.

Circa bei km 24 aufgenommen.
Kilometer 20. Im Anschluss an eine Wasserstation treffe ich auf "triton" aus dem Runnersworld-Forum. Wir wechseln ein paar Worte, dann läuft jeder seines Weges. Dass ich ihm langsam davonziehe, hätte mir spanisch vorkommen müssen, hat er doch die bessere Kondition. Aber ich wusste ja, dass er sein Marathondebüt läuft, und dieses etwas defensiver angehen wollte. Also dachte ich mir nichts dabei.

Halbmarathon-Marke. Meine Uhr zeigt irgendwas bei 1:41 Stunden an. Dass die 3:20 Gesamtzeit nicht mehr zu schaffen ist, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Wenn ich mein aktuelles Tempo (knapp 4:38er Schnitt) beibehalte, würde ich das schon noch aufholen.

Im Nachhinein ziemlicher Käse: bei den heutigen Wetterverhältnissen wäre selbst ein winziger negativer Split schon ein Wunder. Ein negativer Split von zwei Minuten illusorisch. Aber rationales Denken war nicht mehr drin, dafür war es zu heiß.

Kilometer 25. Die Sonne knallt gnadenlos. Es dürften so an die 24 Grad sein - im Schatten! In der Sonne erheblich wärmer. Zudem sind für den Abend Gewitter angekündigt. Entsprechend schwül ist es. Jede Wasserstation nutze ich, um meine Schirmmütze in eine Wanne zu tauchen und beim Wiederaufsetzen möglichst viel Wasser mit auf den Kopf zu befördern. Leider hält sich der Kühlungseffekt in Grenzen, da durch die hohe Luftfeuchtigkeit nur wenig Verdunstungswärme abgeführt wird.

Kilometer 27. Es wird langsam sehr, sehr zäh. Die Wasserstation bei km 27,5 nutze ich, um kurz stehen zu bleiben und in Ruhe das Wasser zu trinken. Beim Laufen wird immer zuviel verschüttet. Das Wieder-Loslaufen bereitet mir erhebliche Probleme, die Beine sind schon ziemlich zu. Verdammt, und es sind noch fast 15 Kilometer!

Kilometer 28 oder 29. "triton" hat mich wieder eingeholt und fragt, wie's mir geht. "Ich hab gerade einen kleinen Hänger", sage ich, und sehe ihn in seinem konstanten 4:50er Tempo von dannen ziehen.

Kilometer 30. Die Verpflegungspunkte nutze ich ab jetzt immer, um ein paar Schritte zu gehen und die Getränke möglichst komplett zu trinken. Das Loslaufen ist aber jedesmal eine Qual.

Kilometer 35. So langsam geht überhaupt nichts mehr. Immer mal wieder gehe ich ein paar Schritte, was zu vehementen Anfeuerungsversuchen des Publikums führt. Aber meine Beine brennen, und mein Puls ist nur schwer unter Kontrolle zu bekommen. Sobald ich auch nur langsam loslaufe, ist er bei über 160, dabei ist eigentlich bei 158 mein Limit (85%).

Kilometer 36. Der 3:30-Pacemaker ist plötzlich neben mir. Ich versuche ein Stück weit, noch dran zu bleiben. Aber lange geht das nicht gut...

Kilometer 37. Ab jetzt können mich alle mal. Ich beschließe, den Rest zu gehen. Oder zumindest solange, bis ich wieder Kraft genug habe, um zu laufen. Laut Garmin ist dies mein langsamster Kilometer: 8:14 Minuten.

Kilometer 38. Irgendwo war da ein toter Punkt, und ich bin drüber weg. Laufen geht wieder einigermaßen. Weiter geht's! Wenn auch langsam.

Kilometer 40/41. Nochmal ein kurzes Gehen, Kraft tanken für den Zieleinlauf. Ich will ja nicht wie ein totaler Lappen aussehen. ;)

Kilometer 41/42. Endlich bin ich auf der Zielgeraden. Das "ZIEL"-Banner kommt in gut 600 Meter Entfernung in Sichtweite. Ich mobilisiere alle Kräfte und kann sogar nochmal mein ursprünglich geplantes MRT aufnehmen, ja sogar unterbieten. Das rettet mir zumindest die 3:39 Stunden.

Im Ziel: Bin ich vielleicht im Eimer! Viel schlimmer als im letzten Jahr. Direkt hinter der Ziellinie wird ein kollabierter Läufer von Sanitätern auf einer Liege versorgt. Mich schockt das nicht mehr, sowas habe ich unterwegs bereits mehrfach am Streckenrand gesehen. 2010 habe ich nicht einen Notfall gesehen, heute fünf oder sechs.

Ich hole meine Verpflegungstüte des Sponsors ab (es sind dieses Jahr leider keine so leckeren Sachen drin) sowie meinen Kleiderbeutel, und treffe mich mit Freunden am vereinbarten Treffpunkt. Gemeinsam und langsam geht's dann in Richtung U-Bahn und nach Hause. Aus dem U-Bahn-Wagen bei der Station Hoheluftbrücke sehen wir nocheinmal das Läuferfeld. Die armen Läufer, die jetzt immer noch in der Hitze sein müssen...

Fehleranalyse:
Glückliche Sieger sehen anders aus.
Einer der Hauptfehler war es sicherlich, das Wetter zu unterschätzen. Bei den heutigen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit war die 3:20 Stunden vollkommen illusorisch. Selbst eine 3:25 hätte ich auch bei besserer Einteilung vermutlich nicht geschafft. Stattdessen wäre es sinnvoll gewesen, eine relativ sicher machbare Sub-3:30 anzupeilen. Ein konstantes Tempo von 4:55 min/km hätte ich durchgehalten, aber die 10 km bei 4:38 min/km von km 15 bis 25 haben mich gekillt.

Nichtsdestotrotz war der Marathon aber sehr schön. Das Publikum war wieder fantastisch, die Stimmung am Streckenrand spitze.

Und: Ich habe heute meinen zweiten Marathon bewältigt. Ich habe mich verkalkuliert, und habe dafür bezahlt. Aber ich habe ihn gefinished, trotz aller Umstände. Und ich ziehe daraus sicherlich meine Lehren, denn so am Ende möchte ich mich nicht noch einmal fühlen.

Dass ich meine Bestzeit aus 2010 geschlagen habe, freut mich hingegen nicht sonderlich, denn es wären bestimmt zehn Minuten mehr drin gewesen, bei besserer Renneinteilung.

Was ich als positiv mitnehme:
• Durchzulaufen und nicht abzubrechen, auch als gar nichts mehr ging.
• Die weiße Kleidung sowie die weiße Schirmmütze waren heute Gold wert!
• Mein linkes Bein blieb trotz gewisser Bedenken im Vorfeld ruhig, keine Verletzung!
• Immerhin noch schneller als 2010 geblieben.
• Die Kraft für einen 600m-Endspurt im 4:37er Tempo war dann plötzlich doch noch da.
• Diese Erfahrung überhaupt einmal gemacht zu haben!

Vergleich 2010 und 2011:
Zeit 2010: 3:43:19 Stunden. Platz (M): 3561, Platz (AK): 423
Zeit 2011: 3:39:37 Stunden. Platz (M): 2050, Platz (AK): 241


Zwar waren dieses Jahr weniger Teilnehmer am Start, aber dies erklärt nicht allein den Sprung um 1.500 Plätze nach vorne. Schließlich war ich nicht der einzige, der unter der Hitze zu leiden hatte.

Was kommt nun?
Nun folgt eine zweiwöchige Regenerationsphase, in der ausschließlich langsame / regenerative Dauerläufe auf dem Programm stehen. Anschließend geht es mit dem Regelplan weiter, wobei nun die Nebensaison anbricht und das Training insgesamt etwas leichter wird. Über meine Trainingsziele in der Nebensaison werde ich aber separat nochmal etwas schreiben.
Meinen nächsten Marathon werde ich wohl erst im (späten!) Herbst angehen, bei dann hoffentlich kalter Witterung. Und ohne fahrlässige Selbstüberschätzung. ;)

Links:
GPS-Track, Puls-Verlauf und Kilometerzeiten auf Endomondo.
Offizielles Ergebnis auf Mika-Timing

PS: Es ist mittlerweile 17:30 Uhr. Der Himmel ist dunkel und es regnet.
PPS: Hier noch ein kleiner Videoclip, der mich ca. bei km 27 zeigt. "Lustig" kommentiert vom Schokomann. ;)

Kommentare:

  1. Hey,

    wir haben gespannt am Fernseher den Marathon verfolgt und Bauklötze gestaunt wie die dunkelhäutigen da mit sage und schreibe 20 Km/h vorliefen. Ich hatte schon überlegt dich anzurufen und dir den Tip zu gehen einfach noch 8 Km/h schneller zu laufen, dann brauchst du auch nicht so lange laufen! :)

    Schön das du es trotz des Wetters bis ins Ziel geschafft hast und vorallem noch deinen Spaß dabei hattest!

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  2. hey munk,

    bin vor 2-3 wochen mal zufällig wieder auf stl.de gegangen und hab da gesehen, dass du zum super-läufer mutiert bist :-)

    ich bin nach 10km immer schon im eimer, aber was solls, dafür mach ich dich im armdrücken platt ;) glückwunsch zum marathon. im nächsten jahr will ich ne 3.15 sehen ;)

    gruß alex

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  3. Hey Alex!

    Danke für deinen Kommentar, schön mal wieder was von dir zu hören! :-)
    Ja, ich bin ziemlich laufverrückt geworden. Macht aber auch eine Menge Spaß.
    Armdrücken? Ha ma äbb! Ich hab doch nur noch dürre Läufergräten, da ist nicht mehr viel dran. ;)

    Hoffe euch geht's allen gut, der Kontakt ist ja irgendwie komplett abgerissen. Grüß' mal alle von mir.

    Viele Grüße
    Jan / munk / Dorrian / whatever! :)

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  4. Habe mal ein paar Impressionen der Spitzenläufer zusammengeschnitten und bin so kurz davor für nächstes Jahr zu trainiern :-)

    http://www.youtube.com/watch?v=ki6jp3JU5h8

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  5. Hey,

    ja, ich werde die Grüße mal ausrichten, wobei ich auch zu DocHoden nicht mehr wirklich Kontakt habe, obwohl er nur 3-4 Straßen entfernt wohnt in Kiel. :)
    Ich schließe in 2 Monaten meinen Master an der FH hab und arbeite schon seit 3 Jahren in nem IT-Betrieb und da waren auch paar verrückte Läufer und son Triathlet... die waren in den Mittagspausen immer laufen und sind morgens 30km mit Fahrrad in die Firma gefahren und so :) FREAKS ;)

    Hast du jetzt eigentlich die Motivation das mit den Marathons weiterzuführen und auf der ganzen Welt welche zu laufen? (New York, London, etc.)

    Ist doch ne coole Möglichkeit die Welt zu sehen. :) Für mich gehts im September nachm Studium 3 Monate nach Australien, yeaah ;)

    Gruß alex

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  6. Hey Struckelmatrix ;)

    Ich glaube ein "Marathon-Tourist", der durch die Welt reist und die großen Städtemarathons mitläuft, werde ich nicht so schnell. Das heb ich mir für später auf (klingt eher nach einem netten Rentner-Hobby). Momentan bin ich noch heiß und ambitioniert, da hab ich für die Stadt neben der Laufstrecke eh keine Augen. Hinzu kommt, dass das alles recht viel Geld kostet. Allein die Startgebühr für New York beträgt über 300 Euro.

    Wobei ich schon noch ein paar größere laufen werde, aber das kann ich auch in Deutschland. Frankfurt habe ich für Oktober im Visier (hab ich "nur" 69 Euro für bezahlt), und Berlin muss eigenlich auch 2012 oder 2013 mal sein.

    Ich wünsch dir schonmal viel Spaß in Down Under. :)

    Jan

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